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Lehren, lernen & voltigieren
Zu Besuch bei Monika Bischofberger

Kavallo, Ausgabe Nr. 12, Dezember 2008, Peter Wyrsch

Unter der Longenführerin Monika Bischofberger reiht die Voltigegruppe Lütisburg Erfolg an Erfolg - nur ein Championatstitel fehlt noch. Dafür trainiert die 32jährige mit ihrem Team - und das neben einem 70-Prozent-Pensum als Lehrerin und einem Heilpädagogik-Studium. 15-Stunden-Arbeitstage sind für die Powerfrau keine Seltenheit. Doch die Toggenburgerin bewältigt ihre Führungsaufgaben in der Schule und an der Longe mit Frohmut, Hingabe und Leidenschaft.

In der Voltigeszene der Schweiz hat sich in den letzten Jahren ein Machtwechsel vollzogen. Jahrzehntelang waren die St. Galler Voltigierer rund um die Familie Gebs die nationalen Trendsetter und stellten den Serienmeister. Erst als Anfang der 90er-Jahre eine gewisse Moni Bischofberger in der St. Galler Gruppe auf dem Rücken der Pferde mitturnte und später zusammen mit ihrer Mutter Heidi im st. gallischen Lütisburg eine Zweigstelle aufbaute, entstand allmählich Konkurrenz. Eine Konkurrenz, die belebt und heute die nationale Spitze repräsentiert.

Erfolgsjahr 2008
Unter Longenführerin Monika Bischofberger reiht die Voltigegruppe Lütisburg vom Reitclub an der Thur Erfolg an Erfolg. 2008 durfte nach 2004 der zweite Gruppen-Meistertiel gefeiert werden. 2003, 2005 und 2007 wurden die Fortschritte bereits mit Silber belohnt. "2008 war unser bisher bestes Jahr", erzählt Moni Bischofberger: "Wir gewannen Voltigeturniere in Dornbirn, Biel und Rüti. Bei den von unserem Verein organisierten Schweizer Meisterschaften in Henau holten wir den Titel mit 0.6 Punkten Vorsprung auf Athleta Mett aus Biel und beim erstmals durchgeführten Voltige-Nationenpreis in Aachen belegten wir den dritten Rang. Einzig an der WM in Brünn hatten wir etwas Pech und wurden nur Fünfte." Ausserdem durfte die Voltigegruppe Lütisburg an Shows in Barcelona, St. Gallen und Oslo vor grossem Publikum zeigen, was in ihr steckt. Und das ist ziemlich viel. "Ich habe ein sehr talentiertes Team mit fleissigen und lernbegierigen jungen Damen, die sich kennen, sich vertrauen und Erfahrungen gesammelt haben."

Fernziel Kentucky
Noch fehlt dem ehrgeizigen Team von Lütisburg eine Championatsmedaille, die sich Moni Bischofberger als Aktive in der St. Galler Gruppe Anfang der 90er-Jahre verdiente. Mit je einem vierten (2007) und einem fünften (2005) EM-Rang schrammten die Lütisburger jeweils an Edelmetall vorbei. "Unser Fernziel sind die Weltreiterspiele 2010 in Kentucky", fügt Moni Bischofberger an. "Wenn wir von Rückschlägen verschont bleiben und uns ständig weiterentwickeln, ist einiges möglich. Noch haben wir unseren Zenit nicht erreicht."

Monika Bischofberger trainiert mit ihrem Mädchen Ramona, Jenny, Andrina, Larissa, Nadja, Martina und Melanie nach der Schule in der schon älteren Reithalle ihres Onkels Bruno Bischofberger in Lütisburg. Dann dreht der erfahrene, 16-jährige Corado aus Schweizer Zucht seine Kreise um Moni Bischofberger, die die Pferde an der Longe führt, ermuntert oder auch tadelt. Corado sei zuverlässig und verfüge über einen schwungvollen Galopp, rühmt die Voltige-Expertin ihr Spitzenpferd. "Voltigepferde müssen einen gesunden und starken Körperbau haben und über einen einwandfreien Charakter verfügen", erklärt die Lehrerin des Sonderschulheims im Kinder-Dörfli Lütisburg, wo sie ein 70-Prozent-Pensum erfüllt.

Jetzt, in den Wintermonaten, wird an einer neuen Kür für die EM 2009 gefeilt. Zur Musik aus "Moulin Rouge" und in neuen Kostümen soll die Lücke zur Weltspitze weiter verringert werden. Dazu erfährt die Gruppe technische Unterstützung von der vierfachen deutschen Einzel-Weltmeisterin Nadja Zülow, der Freundin des Springreiters Marcus Ehning, und choreografische Hilfe durch den Deutschen Michi Gnad, den ehemaligen Weltmeister im Formationstanzen.

In knallgelben Leggins dehnen und strecken die Mädchen vor Trainingsbeginn ihre beweglichen Körper, helfen sich gegenseitig und korrigeren sich beim Aufwärmen oft selbständig. Sie üben erst auf einem Fass und schwingen sich leicht und locker in den Handstand und andere Formationen, ehe sie aufs galoppierende Pferd aufspringen und dort weitertrainieren. Keine zehn Meter daneben sind auch schon die Jüngsten an der Arbeit, sechs-, siebenjährige Mädchen, die ihre ersten Stehversuche auf dem Pferd wagen und ihre Gleichgewichtskünste unter Anleitung von Monis Mutter Heidi fördern. Kein Zweifel: In der dunklen Reithalle in Lütisburg wächst talentierter Nachwuchs heran.

Lernende Lehrerin
Moni Bischofberger lehrt und lernt den ganzen Tag und für ihr Studium an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich, das sie im Februar abschliessen möchte, schiebt sie manchmal auch eine nächtliche Lernschicht ein. Eineinhalb Tage in der Woche sitzt die Lehrerin in Zürich selbst auf der Schulbank und saugt Wissen auf. Den Rest der Woche lehrt sie im staatlich anerkannten Kinder-Dörfli, in dem derzeit 80 Buben und Mädchen im Schulalter gefördert und betreut werden. Seit sechs Jahren ist sie dort beschäftigt, zuvor unterrichtete sie während vier Jahren an einer öffentlichen Mittelstufe. "Als Sonderschullehrerin mit Kindern mit Verhaltens- und Lernschwierigkeiten ist viel psychologisches Geschick, Geduld udn menschliche Wärme gefragt", sagt die Toggenburgerin. Ihre Schülerinnen und Schüler im Kinder-Dörfli sind nicht wie in der Voltigegruppe bewegliche, leistungsstarke Tänzerinnen auf dem Pferd, sondern verhaltensauffällige Kinder aus verschiedenen Schichten und unterschiedlicher Herkunft. Sie in einem geordneten Lebensraum zur Selbständigkeit hinzuführen und Wissen zu vermitteln, ist ihre Kernaufgabe.

Lehren aus Leidenschaft
Beim Lehren - ob als Longenführerin oder in der Schule - ist Moni Bischofberger in ihrem Element. Das zeigt auch der Besuch einer Schulstunde. Für das Fach "Mensch und Umwelt" hat die Sonderpädagogin das Thema "Post" ausgewählt. Aufmerksam und ruhig hören Diyan, Charmoun, José, Niklaus, Alexander und die anderen Kinder ihren Ausführungen zu. Sie sprechen alle gut deutsch, stammen aber aus dem Irak, dem arabischen Raum, aus der Türkei, aus Portugal oder Serbien. Doch auch Schweizer Kinder sind dabei. Im Kreis haben sie sich am Boden vor der Wandtafel versammelt. Sie lernen derzeit, ein Couver zu beschriften, eine Postkarte zu gestalten und haben anschliessend an die Ausführungen der Lehrerin ein Rätsel mit postalischen Begriffen auszufüllen. Gruppenarbeit ist angesagt. Es darf ausgetauscht und getuschelt und, wenn Unklarheiten entstehen, gefragt werden. "Wir haben Frau Bischofberger sehr gerne", sagt ein Schüler. "Bei ihr macht die Schule meistens Spass. Sie ist gerecht und gibt nicht so viele Hausaufgaben. Nur wenn sie gestresst ist, dann kann sie auch laut werden!"

Gehöriges Pensum
Und stressig geht es in Moni Bischofbergers Leben zurzeit öfters zu. Mit Voltige, Schule und Studium setzt sie sich selbst einem gehörigen Arbeitspensum aus. Mit ihrem Freund Patrick wohnt sie in Teufen im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Paddy Winkler ist ebenfalls Sportler. Jahrelang war er Berufsfussballer beim FC St. Gallen und dem FC Wil, mit dem er den legendären Cupsieg gegen die Grasshoppers erkämpfte. Seine Aktivkarriere hat der gelernte Kaminfeger beendet, er arbeitet nun hauptberuflich als Technischer Leiter des Nachwuchses beim FC St. Gallen. Kurz vor sieben Uhr frühmorgens verlässt seine Freundin in ihrem Ford Fiesta mit der Aufschrift "Voltige Lütisburg" das traute Heim in Teufen und fährt 45 km nach Lütisburg. Bis Mittag unterrichtet sie. In der Mittagspause wird etwas Leichtes gegessen, dann organisiert, korrigiert und die nächste Schullektionen vorbereitet. Nach den Nachmittagsstunden in der Kleinklasse mit maximal zehn Schülern düst Moni Bischofberger in den nur 1500 m entfernten Reitstall, den ihr Götti Bruno Bischofberger führt. Er war einst nationaler Springreiter und gewann mit einem Pferd namens Tulipe van Amsterdam Bronze an den Schweizer Meisterschaften in der Elite.

Jeden Tag im Stall
In der Reithalle angekommen, zieht sich Moni um. Sie macht sich letzte Gedanken, was sie heute mit ihrer Gruppe trainieren will. Dreimal wöchentlich unterrichtet sie an der Longe auch die Einzelvoltigiererinnen Marion Graf und Melanie Guillebeau, die amtierende Schweizer Meisterin und die SM-Dritte. "Ich bin an sieben Taen in der Woche im Stall, auch wenn wir kein Training haben. Pferde und Voltigieren prägen derzeit mein Leben. Ich unterrichte aber auch gerne in der Schule. Arbeiten auf Beziehungsebene macht mir enorm Spass."

Wenn sie dann abends nach 21 Uhr müde, aber meistens noch gut gelaunt nach Teufen zuürckkehrt, ist sie froh, wenn Freund Paddy etwas Warmes gekocht hat. "Wir kochen beide gerne. Paddy ist aber geschickter am Herd und hat mehr Erfahrung", sagt Moni Bischofberger. Nachdem die beiden gegessen und geplaudert haben, schlägt sie oftmals noch ein Buch auf oder setzt sich an den COmputer, um noch etwas für das Studium zu lernen.

Naütrlich macht sie sich hin und wieder Gedanken, wie ihr Hobby Voltigerien zu finanzieren sei. Denn die Zuschüsse von "Jugend und Sport", Einkünfte aus Showauftritten, freiwillige Elternunterstützung und die Jahresbeiträge von 100 Franken pro Fanclub-Mitglied reichen nicht aus, um anstehende Kosten zu decken und mit der grossen Konkurrenz aus Deutschland, Österreich, der USA und Tschechien Schritt zu halten. Um ganz an die internationale Spitze vorzustossen, braucht es zusätzliche Hilfe. Ohne weitere Finanzspritzen, bessere Vermarktung und kostenfreie Eigenleistungen von Menschen mit viel Herzblut geht es auf höchster sportlicher Ebene nicht mehr. Bei letzterem geht Moni Bischofberger unermüdlich mit gutem Beispiel voran.
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